Splitter der Nacht

Die Londoner Riots und die gestörte Nachtruhe am Schanzenfest

…. Wir halten einen politischen Begriff von Repression zu kurz greifend, der diese auf polizeiliche Gewalt reduziert. Staatliche und gesellschaftliche Unterdrückung findet heute in vielen Formen statt und es gibt ein ganzes Arsenal akzeptierter Mittel der Kontrolle. Vom Knüppel zum Pfefferspray, von der Kameraüberwachung zur Sozialarbeit, von Mitwirkungspflichten zur aktivierenden Teilhabe. Am Besten ist diese sicherheitspolitische Durchdringung zu verstehen, wenn nicht vom Polizeieinsatz selbst ausgegangen wird, sondern von dessen moralischer Rechtfertigung.

Gerade weil Anwohner_innen, Autonome oder andere Linke nicht direkt dem Senat unterstehen, wird unterstellt, dass sie auf der Basis moralischer Prinzipien handeln. Die Deutung von Jugendkrawallen als unpolitisch dient dabei – selbst wenn dies der Intention der Akteur_innen zuwiderläuft – als erster Akt, um die Bühne einer polizeilichen Intervention vorzubereiten. In dieser Funktion steht die Entpolitisierung der Gewalt für die Sicherheitsgesellschaft und ihrer autoritären Formierung an vorderster Front. Die moralische Intervention zeichnet den Ausnahmezustand des polizeilichen Gefahrengebietes als „Ausnahmezustand von unten“ vor.

Auch die Praxis auf der Straße besitzt Codes und die Form einer Sprache. Ein verurteilender Gewaltdiskurs zum Schanzenfest agiert auf derselben Ebene wie die Sozialarbeiter_innen und Soziolog_innen, die nach den Unruhen in England die Fernsehkanäle bevölkerten. Erst wurde den Krawallen ein unpolitischer Charakter und den Akteur_innen eine Sprachlosigkeit zugesprochen, um dann selbst die Stimme zu erheben und deren Handlungen je nach eigener politischer Ausrichtung zu deuten. Herbert Marcuse beschreibt ein solches Sprechen als repressive und systemstabilisierende Praxis. „Der Zugang zur Sprache wird denjenigen Wörtern und Ideen versperrt, die anderen Sinnes sind als der etablierte.“ Andere Wörter und Gedanken können zwar ausgedrückt werden werden, aber sie werden, so sie denn überhaupt Gehör finden, sofort bewertet und quasi-automatisch nach Maßstab einer etablierten Mehrheit verstanden und in herrschende Codes übersetzt. Diese Recodierung definiert die öffentliche Sprache und damit die Richtung, in welche der weitere Denkprozess sich bewegt. Damit endet der Prozess der Reflektion dort, wo er anfing: „In den gegebenen Bedingungen und Verhältnissen.“ …

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1 Antwort auf „Splitter der Nacht“


  1. 1 Leonardo Boff: „Finale Krise des Kapitalismus?“ … « biopilz Pingback am 30. August 2011 um 10:11 Uhr
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