Etwa 50-100 Personen mit ca. 20 Bussen und LKW folgten dem Aufruf zur Wagendemo/ Parade gegen kapitalistische Stadtumstruckturierung und Gentrifizierung. Die geringe Teilnehmer_Innenzahl lässt sich wahrscheinlich mit der recht kurzfristigen Mobilisierung und der vorangehenden Demonstration in Neukölln gegen Polizeigewalt, Nazis und Faschisten erklären. Die Demo startete etwa 15:45Uhr in der Persiusstraße, nähe des Ostkreuzes, gegenüber vom FIPS. In gemütlicher Schrittgeschwindigkeit, mit Parolen und unter Hupkonzerten ging es mit Soundwagen quer durch den Friedrichhainer Kiez. Im Live-Set vom Soundwagen wurden neben Video- Live- Projektionen Redebeiträge u.a. aus Wien, München und Freiburg eingebaut. An den Toren der an der Strecke liegenden Wagenplätze „Laster & Hänger“ und „Convoi“ gab es Aufwärmmöglichkeiten in Form von Glühwein und Feuertonnen. Es wurden zahlreiche Flugblätter am Rande der Demo verteilt und es kam zu einzelnen Gesprächen mit Passant_Innen. Nach etwa dreistündiger „Fahrt“ endete die Demo/ Parade auf dem alten Schlachthofgelände zwischen Townhouses, Kaufland und Stadler. Es gab noch etwa eine Stunde Musik mit Glühwein bis die Bullen, die sich an diesem Tag bis dahin zurückgehalten hatten, die Veranstaltung, die bis 22 Uhr angemeldet war, kurzerhand für beendet erklärten. Alles in Allem war es trotz weniger Teilnehmer_Innen eine nette Demo mit guter Stimmung, lauten Beats und kreativen Transparenten- Sprüchen.

Nachfolgend der Redebeitrag der Wagengruppe „Rummelplatz“:

Hallo liebe Anwohner_Innen, Sympathisant_Innen, Freundinnen und Freunde,

wir heißen euch willkommen zum Aktionstag gegen kapitalistische Stadtentwicklung und Gentrifizierung.Trotz des beschissenen Wetters wollen wir unseren Protest heute erneut auf die Straße bringen. Für viele scheint es vielleicht die alte Leier zu sein, jedoch ist die soziale Lage hier in Berlin und in den meisten anderen Städten nicht besser geworden. Im Gegenteil: Die Mieten steigen unaufhörlich, die Kieze werden angeblich „aufgewertet“. Diese Rechnung wird jedoch ohne Berücksichtigung der langjährigen Bewohnerschaft gemacht. Immer mehr Menschen und Projekte sehen sich in ihrer Existenz bedroht oder sind gar schon aus der Innenstadt verdrängt worden. Der alltägliche Konkurrenzkampf, die Hürden und Grenzen, vor denen sich manch eineR sieht, tragen dabei nicht zur Besserung der Lage von vielen Betroffenen bei. Es ist offensichtlich: die Kluft zwischen Oben und Unten wird immer größer und deutlicher.

Wir als Wagengruppe sehen es als wichtig an, gemeinsam und solidarisch gegen die herrschenden Verhältnisse zu kämpfen. Ob als Hausprojekt, Wagenplatz, Politgruppe, Wohngemeinschaft oder Einzelperson: um der kapitalistischen Verwertungslogik entgegentreten zu können, müssen wir gemeinsam zeigen, was wir vom herrschenden System halten und dass ein anderes Leben möglich ist. Dazu gehört auch sich nicht durch profitgierige Investor_Innen und Politiker_Innen vertreiben zu lassen, Widerstand zu leisten und sich solidarisch miteinander zu zeigen.

Die Wagengruppe „Rummelplatz“ bezog im Oktober 2010 ein Gelände in der Nöldnerstraße 13 in Lichtenberg, nachdem über ein halbes Jahr lang Gespräche und Verhandlungen mit Bezirkspolitiker_Innen und privaten Grundstücksinhaber_Innen geführt wurden. Zu dem Pachtverhältnis kam es letztendlich zwar unerwartet, jedoch gerade rechtzeitig vor Wintereinbruch. Im Oktober diesen Jahres erreichte die Bewohner_Innen des „Rummelplatzes“ die Kündigung des Pachtvertrages durch die mitlerweile zuständige Zwangsverwaltung „Wutzke und Förster“. Die Bewohner_Innen entschieden sich, das Gelände zu verlassen und mit ihrem weiteren Vorgehen die Problematik um Wagenplätze in die Öffentlichkeit zu tragen. Es kam zu der Besetzung der Hauptstraße 3 in Rummelsburg. Dadurch sollte eine Basis für die öffentliche Diskussion und für weitere Verhandlungen geschaffen werden. Es kam zu zahlreichen Gesprächen mit Lichtenberger Bezirkspolitiker_Innen und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Nach etwa einer Woche Besetzung, Gesprächsversuchen und Warten stand fest: der Bezirk Lichtenberg werde keine bezirkseigenen Grundstücke für Wagenplätze oder andere kulturellen Projekte zur Verfügung stellen. Aus der Senatsverwaltung hieß es, es wurde eine politische Entscheidung getroffen. Diese sah die umgehende Räumung des besetzten Geländes in der Hauptstraße 3 vor. Da der Dialog von Senatsseite abgebrochen wurde und eine polizeiliche Räumung drohte, entschieden die Besetzer_Innen am 8.12. die Besetzung abzubrechen. Ein Verbleiben auf dem Gelände hätte womöglich unnötige Repressionen nach sich gezogen.
Mittlerweile steht der Rummelplatz seit über einer Woche auf der Straße. Aktuell wird mit dem Bezirk Friedrichshain über Gelände für eine zweckmäßige Nutzung als Wagenplatz gesprochen. Aus dem Büro des Bezirksbürgermeisters Franz Schulz heißt es, aktuell werde noch auf Antworten von privaten Grundstücksinhaber_Innen gewartet. Ob dies zu einer konstruktiven Lösung führt oder lediglich eine Hinhaltetaktik ist, wird sich zeigen. Die Warteposition, in der wir uns aktuell befinden und das Wohnen an der Straße ist für uns auf Dauer jedoch kein aktzeptabler Zustand. Bei den aktuell geführten Gesprächen geht es ebenfalls lediglich um eine Zwischennutzung. Sollte sich dabei ein Stellplatz für die Bewohner_Innen des Rummelplatz ergeben, ist dies als vorübergehende Lösung zu verstehen. Ein Abschieben der Angelegenheit auf private Ebene werden wir als Verantwortungsentziehung Seitens der Politik deuten und nicht akzeptieren, erst recht nicht vor der Tatsache, dass zahlreiche Baugrundstücke in Berlin brach liegen und darauf warten für höchst möglichen Profit veräußert zu werden. Wir fordern eine politische Lösung, die das Wagenleben nicht kriminalisiert, sondern es als Teil einer politisch kritischen Bewegung in der Gesellschaft akzeptiert.

Zwar geht es uns aktuell nicht zu Letzt um unseren Wohnraum, jedoch geht es gleichzeitig auch um einen Freiraum. Einen Freiraum wie viele andere, der selbstorganisiert, unkommerziell, emazipatorisch, und solidarisch gestaltet wird. Für diese Freiräume werden wir immer kämpfen. Ob als Hausprojekt, Wagenplatz oder sonstwas.

Wir sind die Rote Flora, das Zomia, die Wagentruppe Treibstoff, Kommando Rhino, die Schattenparker, der Wagenplatz Scheffelstraße und die Rigaer 94. Der Schwarze Kanal, Convoi, Laster und Hänger und die Liebig 34. Die HarzIV- Empfängerin, der Penner, die Nachbarin, der illegalisierte Asylsuchende und die Gefangenen. Wir sind aber auch die Rigaer Straße 84, die Liebig 14 und die Brunnen 183. Die Yorck59, das Ungdomshuset, Bambule, die Mainzer Straße und viele weitere mehr!
Wir sind keine Randerscheinung! Wir sind freie Menschen, die leben wollen wo und wie sie wollen und wir bleiben alle!!!

Für ein ganz anderes Ganzes! Kampf dem Kapitalismus!

Solidarische Grüße,
Wagengruppe Rummelplatz.

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