Die Recht auf Stadt Verschwörung

Wer oder welche dachte, nach Gutenberg gäbe es über Doktortitel nichts mehr zu lachen, kann beruhigt werden, denn im Oktober 2011 ist die Dissertation „Rote Flora – Ziele, Mittel und Wirkungen eines linksautonomen Zentrums in Hamburg“ von Karsten Dustin Hoffmann erschienen. Hoffmann war Bereitschaftspolizist und RCDS Vorsitzender in Hamburg. Mit der Dissertation hat er »bei dem extremen Forscher Eckhard Jesse, der seinerseits bereits bekannt ist für seine Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus« promoviert. Auch Hoffmann selbst schreibt Sätze wie: „im Gegensatz zu Rechtsextremisten erfahren Linksextremisten kaum öffentliche Kritik. Das ist das eigentliche Problem.“

Mit markigen Worten wirbt der Verlag: »Die vorliegende Arbeit ist also verfasst aus der Sichtweise eines Polizisten und RCDSlers, für den obendrein Linke „mindestens genauso“ bekämpft werden müssen wie Rechte.« Auf dem Rückentext wird die Arbeit als »Pionierstudie« auf »Terra incognita« des »militanten Linksextremismus« bezeichnet . Letztlich liegt dieser Ansatz auf Linie eines neokonservativen Extremismus-Diskurses, der spätestens nach dem Bekanntwerden eines Nationalsozialistischen Untergrundes von der Geschichte überholt und seltsam weltfremd erscheint. Nicht der einzige Hinweis darauf wie simpel gestrickt so manche Doktorwürde sein kann.

Trotz über tausend Fußnoten bleibt die Quellenlage dürftig. Vor allem werden alte Ausgaben des Flora Infos »Zeck«, Hamburger Tageszeitungen und Bücher zur autonomen Szene ausgewertet. Selbstkritische Positionen bei Diskussionen innerhalb der Szene werden dabei oft unreflektiert als wissenschaftliche Wahrheit übernommen und eigene politische Einschätzungen überbewertet. So entsteht im Ergebnis keine Abbildung autonomer Diskurse, sondern eine Art Reisebericht wie zu kolonialen Zeiten auf Forschungsreise.

Wenn Hoffmann beispielsweise beschreibt, wie er im Archiv der sozialen Bewegungen in der Flora Quelleforschung betrieben habe, dann wähnt man sich auf Safari und nahe an den Gefahren früher Forschungsreisender auf der Suche nach dem schwarzen Nil. Die Eingeborenen, hier die Flora Aktivist_innen, werden dabei in einer paternalischen Mischung aus Faszination und Abscheu beschrieben. Verteidigt wird mittels der Beobachtungen nicht weniger als die Zivilisation selbst.

Der Besuch des Archives der sozialen Bewegungen, ein offenes Projekt mit Öffnungszeiten und Türklingel, wird so zur mutigen Herausforderung und Erkundungsreise in unbekanntes Terrain, verleiht Authentizität und vermeintliche Forschungserkenntnisse.

Linksradikale Politik wird im Folgenden nicht als gesellschaftliches Verhältnis und in der Wechselwirkung politischer Entwicklungen begriffen, sondern zum irrationalen Vodoo einer Macht des Dunklen. Militanz und Sabotage werden dabei nicht als Teil gesellschaftlicher Entwicklung und Emanzipation verstanden, wie sie zum Beispiel in der Praxis von Arbeitskämpfen oder im Widerstand gegen Atomanlagen vorgekommen sind, sondern außerhalb eines demokratischen Rahmens gesetzt und damit vor allem außerhalb der Reichweite eigener Bezüge positioniert. So verliert der Autor den letzten Bezug zum Diskurs. Die Rote Flora wird zur Käseglocke im Extremismusdiskurs. Der Beobachter vom Polizeibeamten mit RCDS Vergangenheit zum urteilenden Richter und moralisierenden Ankläger in einer Person.

Mit Fußnoten bewaffnet, reist Dustin Hoffman anschließend durch Hamburg, wie Robert de Niro in Taxi Driver einst durch New York, um den Dreck aus der Stadt zu kehren. Doch aus Sorge vor monatelangen militanten Auseinandersetzungen, aus der die politische Idee der Flora gestärkt hervorgehen könnte, zieht er statt eines klassischen Shoot-Outs dann lieber ein offenes Ende vor. Die Rote Flora solle nicht geräumt , sondern entmystifiziert, in einen »Würgegriff der herzlichen Umarmung« genommen werden. Übrigens keine eigene Idee, sondern schlichtes zitieren ohne Fußnote. In einem Beitrag aus der Flora zu städtischen Vereinnahmungsstrategien in stadtentwicklungspolitischen Prozessen wurde dieser Ausspruch einst geprägt.

Auch die These eines politischen Status Quo zwischen dem Senat und der Roten Flora, die Unfähigkeit des Senates zu räumen bei gleichzeitiger Unfähigkeit der Flora, über das Gebäude hinaus die Umstrukturierung im Schanzenviertel zu stoppen, hat er aus autonomen Publikationen übernommen, in diesem Fall einem Beitrag zur Geschichte der Roten Flora mit dem Titel »Das Gleichgewicht des Schreckens«.

Den Vogel schießt er in seiner »Pionierstudie« allerdings mit überraschenden Erkenntnissen zur Recht auf Stadt Bewegung ab. Nicht dass diese von Autonomen unterwandert wäre, vielmehr handelt es sich laut Hoffmann bei Recht auf Stadt um eine reine Illusion der Roten Flora. Mondlandung und Bielefeld sind von gestern. Up to date ist die Recht auf Stadt Verschwörung der Hamburger Autonomen, welche krakenhaft über die Metropolen der Welt reichen muss. So schreibt Hoffmann:

Einen kleinen Erfolg verbuchten die Flora-Aktivisten bei einer Gruppe symphatisierender Künstler, da diese mit einer kurzfristigen Besetzung von Häusern im Hamburger Gängeviertel deren Verkauf an einen ausländischen Investor rückgängig machten. In der Folge erreichte der von der Zeck propagierte Begriff »Gentrifizierung« die großen Hamburger Zeitungen. Im Internet versuchten die Aktivisten den Eindruck zu erwecken, es entstehe eine neue »Recht-auf-Stadt-Bewegung«, die sich zum großen Teil aus Bürgerinitiativen zusammensetze, die nicht dem autonomen Spektrum angehörten. Sie stelle die aktuelle Stadtentwicklungspolitik in Frage.“
Seite 254

Diese Arbeit erhellt einen wichtigen Teil des Forschungsfeldes der Autonomenbewegung.
[…]
Nicht alle untersuchten Prozesse sind bereits abgeschlossen. So bleibt unklar welche Wirkungen die »Recht-auf-Stadt-Bewegung« gegen Gentrifizierung zukünftig für sich verbuchen kann. Bisher handelt es sich lediglich um eine Kampagne des autonomen Spektrums. Ob sie angesichts merklich steigender Mieten und Immobilienpreise große Unterstützung erfahren wird?

Seite 309

Dass eine solche zentrale Veränderung im politischen Koordinatensystem der außerparlamentarischen Bewegungen wie die Entstehung der überregionalen Recht auf Stadt Bewegung von Hoffmann nicht erfasst wird, sondern als potemkinsches Dorf der Roten Flora betrachtet wird, ist zumindest ein eindrucksvoller wissenschaftlicher Beleg dafür, was dabei herauskommt, wenn sich der Bock zum Gärtner macht.

Ex-Polizist Hoffmann beschreibt zu Beginn seines Buches, wie er während eines Einsatzes vor der Flora steht und ahnungslos auf diese blickt. Er hat nie aufgehört, durch den Helm über den Schlagstock zu blicken, und bewertet Autonome und andere stadtteilpolitische Aktivist_innen nicht als Teil sozialer Bewegungen und Ausdruck gesellschaftlicher Widersprüche, sondern als Sicherheitsproblem.

So entsteht zu weiten Teilen ein Phantasiegemälde, das viel interpretiert und falsche Schlüsse zugunsten des eigenen Blickwinkels im vermeintlich objektiv-wissenschaftlichen Gewand zieht. Die Rolle einzelner Personen wird konsequent überschätzt, das heterogene Projekt wider besseren Wissens immer wieder als eine Art Gruppe mit festem Kern beschrieben und die politische Praxis mit den horizontalen Organisierungsvorstellungen einer Pyramide verbunden. Obendrauf die Rote Flora und der harte »extremistische« Kern ihrer Aktivist_innen und darauf folgend der Rest dessen, was sich in Hamburg an Protest bewegt. Ein Bild wie zur Hochzeit des Absolutismus. Selbiger war begleitet von der Aufklärung. Auch so eine Sache die Dustin Hoffman vermutlich übersehen und als Erfindung der Roten Flora beschrieben hätte.

Die Arbeit des ehemaligen RCDS Vorsitzenden Hoffmann ist nicht wissenschaftlich, sondern vor allem politisch motiviert. Seine Dissertation sagt letztlich viel über die Vorstellungen, Normen und Werte des Beobachters Hoffmann aber wenig über die Ziele, Mittel und Wirkungen der Roten Flora. Dies ist auch gut so, denn es zeigt, dass es um die theoretischen Grundlagen von neokonservativen Extremismustheorien nicht gut bestellt ist, wenn dies nach aktuellem Stand der Wissenschaft der Käse auf den Maccaroni sein soll.

n.n.

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