Da ging ein Rauschen durch den Blätterwald. »Schanzenfest vor dem Aus« titelte es und zum wiederholten Mal wurde ein Bild bemüht von Autonomen, die sich im Schulterschluss mit Bürgerwehren gegen auswärtige Krawall-Touristen im Schanzenviertel wenden. Folgerichtig gab es Beifall für die autonome Szene von CDU-Hardliner Warnholz bis zur Gewerkschaft der Polizei und den durch NSU-Affären angeschlagenen Verfassungsschutz.

Wir, ein Zusammenhang, der in den letzten Jahren das Schanzenfest politisch mitgetragen hat, waren nicht schlecht erstaunt von dieser medialen Windbö im Sommerloch der Hamburger Lokalpolitik. Aus unserer Sicht steht das Schanzenfest weder vor dem Aus, noch wollen wir uns an bürgerlichen Sicherheitsdiskursen beteiligen, welche Gewalt als rein individuelles Problem abhandeln, statt sie im gesellschaftlichen Zusammenhang zu beschreiben.

Die Auseinandersetzung und Vorbereitung des nächsten Schanzenfestes führen wir lieber im Rahmen von Vollversammlungen und gemeinsamen Treffen als über Tageszeitungen, Funk und Fernsehen. Sollte es in diesem Jahr kein Fest geben, ist dies nicht Ausdruck von Politikverdrossenheit oder eines Wunsches, den Krempel hinzuwerfen, sondern der Entschlossenheit, Diskussionsprozesse in einem selbstbestimmten zeitlichen Rahmen weiterzuverfolgen. Wesentliche Ziele sind dabei die bereits im letzten Jahr verstärkte Schwerpunktsetzung auf das inhaltliche politische Programm über den Tag und mehr Verantwortung und Bewusstsein für den Ablauf des Abends, um gewaltsame Übergriffe gegen Anwohner_innen oder Besucher_innen zu vermeiden.

Auslöser des Presserummels war ein Beitrag im Programmheft Transmitter von Radio FSK, der von der TAZ Hamburg aufgegriffen und in zahlreichen Medien, auch über Hamburg hinaus, wiedergegeben wurde. Vorneweg: Es steht jedem und jeder frei, sich zum Schanzenfest zu äußern. An dieser Stelle hätten wir uns allerdings mehr Sensibilität und Transparenz bezüglich des eigenen Sprechortes gewünscht. Sofern es konkrete Fragen zum Diskussionsstand gibt, möglicherweise auch eine vorherige direkte Kommunikation mit beteiligten Zusammenhängen. Seis drum – wir kennen die aufgeregte und verkürzende Dynamik der Medien und sehen keine Veranlassung, auf den aktuellen Medienhype zu reagieren.

Gefahrengebiete und Polizeigewalt

Äußern wollen wir uns allerdings zur inhaltlichen Position, die im Transmitter-Text zu den Schanzenfesten der letzten Jahre eingenommen wird. Dabei wollen wir auch Ausgangsthesen widersprechen, die aus unserer Sicht hinter den Stand der bisherigen Diskussion zurückfallen und eine mediale Anschlussfähigkeit zu repressiven Sicherheitsdiskursen herstellen. Als zentrales Defizit wird den organisierenden Gruppen dabei »die Unfähigkeit, eine öffentlich vermittelte Haltung zu den seit 2003 sich an das Fest anschließenden Auseinandersetzungen mit der Polizei zu formulieren« vorgeworfen. Auf diese These baut die folgende Argumentation auf und startet mit einer folgenschweren Auslassung, die in der Folge erst einen pauschalisierenden Blick möglich macht.

In der Realität wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche öffentliche Texte verfasst, die sich auch um die Auseinandersetzungen im Anschluss an das Schanzenfest drehen und eine Position hierzu einnehmen. Diese wurden in Haushalten verteilt, in verschiedenen Medien und im Internet publiziert. Die dort formulierten Haltungen müssen nicht unbedingt geteilt werden, sie können auch für nicht ausreichend gehalten werden. Sie völlig auszublenden, bedeutet allerdings, wesentliche Fakten außer Acht zu lassen, um einer eigenen Argumentationsfigur freie Bahn zu bereiten.

Unstrittig ist, dass die Krawalle am Abend von den Schanzenfestvorbereitungen zu keinem Zeitpunkt abgefeiert oder befördert wurden. Stattdessen wurde eine Haltung eingenommen, die einerseits stets klar stellte, das Fest nicht wegen der Krawalle zu veranstalten. Die Rolle des Fests bestehe aber genau so wenig in der Verhinderung eines abendlichen Krawalls. Im Transmitter wurde hieraus ein »eindimensionaler Militanzdiskurs« gezeichnet, der in der Folge nicht etwa Polizei und Innenbehörde vorgeworfen wird, sondern den organisierenden Gruppen bzw. dem Schanzenfest. Diese auf den Kopf gestellte Einschätzung zu einem Zeitpunkt, in dem das Schanzenviertel zu einem dauerhaften Gefahrengebiet erklärt wurde und Polizeigewalt gesamtgesellschaftlich ein zunehmend diskutiertes Thema ist, ist bemerkenswert.

Die politische Bedeutung solcher Stellungnahmen wurde im Text »Splitter der Nacht« analysiert, der sich 2010 bereits kritisch mit den Krawallen nach dem Schanzenfest und in London beschäftigte: »Wir halten einen politischen Begriff von Repression und Kontrolle zu kurz greifend, der diese auf polizeiliche Gewalt reduziert. Staatliche und gesellschaftliche Unterdrückung findet heute in vielen Formen statt und es gibt ein ganzes Arsenal akzeptierter Mittel der Kontrolle. Vom Knüppel zum Pfefferspray, von der Kameraüberwachung zur Sozialarbeit, von Mitwirkungspflichten zur aktivierenden Teilhabe. Am Besten ist diese sicherheitspolitische Durchdringung zu verstehen, wenn nicht vom Polizeieinsatz selbst ausgegangen wird, sondern von dessen moralischer Rechtfertigung.
Gerade weil Anwohner_innen, Autonome oder andere Linke nicht direkt dem Senat unterstehen, wird unterstellt, dass sie auf der Basis moralischer Prinzipien handeln. Die Deutung von Jugendkrawallen als unpolitisch dient dabei – selbst wenn dies der Intention der Akteur_innen zuwiderläuft – als erster Akt, um die Bühne einer polizeilichen Intervention vorzubereiten. In dieser Funktion steht die Entpolitisierung der Gewalt für die Sicherheitsgesellschaft und ihrer autoritären Formierung an vorderster Front. Die moralische Intervention zeichnet den Ausnahmezustand des polizeilichen Gefahrengebietes als „Ausnahmezustand von unten“vor.«

Die alleinige Deutung im Transmitter-Text eines »an sich selbst berauschenden Krawalls« der ohne Eingreifen der Polizei »ohne Inhalt« sei, ist ein wesentliches Motiv einer solchen Entpolitisierung. Sie befördert in ihrer Ausschließlichkeit die stereotype Legendenbildung von Krawalltouristen als äußere Bedrohung der Anwohner_innen und Autonomen im Stadtteil. Solche Gut und Böse-Schemata sind gesamtgesellschaftlich mächtig und wirksam und werden ebenso auch aus fremdenfeindlichen Motiven oder in der Drogenverbotspolitik reproduziert: Egal, ob es der Dealer, die Jugendgang, der Großinvestor oder Randalierer auf der Straße ist, stets sind es scheinbar die äußeren Einflüsse, welche das Leben im Viertel bedrohen, denen als Schicksalsgemeinschaft entgegengewirkt werden muss, um ein zivilisiertes Zusammenleben aufrechtzuerhalten.

Statt Konflikte gesellschaftlich zu beschreiben und z.B. Dealer und Jugendliche als Teil der Widersprüche im Stadtteil zu begreifen, werden diese personalisiert und als Randgruppenphänomen dem Feld der Sinnlosigkeit zugesprochen. Unglücklich finden wir vor diesem Hintergrund auch die alleinige Herleitung der Messerangriffe über brennende Mülltonnen und das Schanzenfest. Wie im Nachbereitungstext beschrieben, gibt es vielschichtige Gründe für die allgemein zu beobachtende Zunahme von Übergriffen und Gewalt im Schanzenviertel. Wollen wir auf diese Verhältnisse reagieren, ist es notwendig, an den richtigen Punkten anzusetzen. Ohne eine Analyse der Stadtentwicklung, Gentrifizierungsprozesse und gesellschaftlichen Ein- und Ausschlüsse wird dies zwangsläufig zur Sackgasse.

Dass es auch anders geht, scheinte kürzlich im benachbarten Altona auf. Unter anderem durch Verdrängungsprozesse aufgrund zunehmender Einschränkungen und Gefahrengebiete auf St. Pauli und im Schanzenviertel ist dort nach Sicht der Polizei ein neuer Kriminalitätsschwerpunkt entstanden, auf den durch Präsenz und häufig rassistische Polizeikontrollen reagiert wurde. Nach dreitägigen Auseinandersetzungen mit der Polizei fand eine Versammlung mit 200 Anwohner_innen statt, bei der sich mit den Jugendlichen öffentlich solidarisiert wurde. Die zunehmenden Polizeiübergriffe wurden dabei nicht nur in der Logik des Sicherheitsstaates, sondern auch als Folge von Gentrifizierungsprozessen beschrieben.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass in der zum Gefahrengebiet erklärten „Alternativ-Oase“ Schanzenviertel eine solch solidarische Haltung derzeit schwer vorstellbar scheint, nicht zuletzt aufgrund immer offener zutage tretenden Ressentiments gegenüber Jugendlichen, insbesondere solchen mit Migrationshintergrund. Bei allen Begleiterscheinungen und Problemen, die durch die Aufwertung und Ballermannisierung des Schanzenviertels entstanden sind und bei allen notwendigen Grenzen, die zu ziehen sind: Strukturell ausgrenzende Diskurse aus einer autonomen Binnen-Perspektive zu befördern, ist die völlig falsche Herangehensweise, um Begriffe wie Recht auf Stadt weiterzuentwickeln und neue Formen der Teilhabe auf stadtpolitischer Ebene zu suchen.

Ausgangspunkte und Ritualisierung

»Waren es früher die Halbstarken, später die Langhaarigen, dann die Punker, die das Bild des Friedens störten, sind es heute die „Erlebnisorientierten“. […] Dies alles jedoch nur auf die Frage der Gewalt zu reduzieren, auf einen Punkt zu verdichten und anschließend mit dem Hammer in die Wand zu schlagen, lehnen wir ab. Veränderung entsteht aus Utopie, Kritik und Selbstkritik, der Infragestellung des Gewohnten und Umbrüchen, die auch, aber eben nicht ausschließlich als Kissenschlacht daherkommen. «
http://ingloriousschanzenfest.blogsport.de

Der Ursprung der Auseinandersetzungen nach dem Schanzenfest wird im Transmitter-Text als Folge der Nichtanmeldung des Festes und überdrehter Aktivitäten unter Ronald Schill beschrieben. Tatsächlich gingen die Großeinsätze nach dem Schanzenfest jedoch bereits unter der SPD-Regierung los. Diese stand stark unter rechtspopulistischem Druck; als Folge schwenkte die SPD aus wahltaktischen Gründen nach rechts, einhergehend mit verstärkter Repression. Die Ursprünge der Auseinandersetzungen liegen eben nicht in der Frage der Anmeldung oder Nichtanmeldung, auch nicht in der Person eines Innensenators Schill, sondern vielmehr in einer strukturellen autoritären Entwicklung der Hamburger Innenpolitik, welche sich trotz verschiedener Feinjustierungen bis heute durchzieht.

Geprägt von den Auseinandersetzungen nach der Räumung des Wagenplatzes Bambule entwickelte sich erstmals organisierter Widerstand nach dem Schanzenfest. Dass die Auseinandersetzungen dabei bald nicht mehr nur als Reaktion auf das gewaltsame Einschreiten der Polizei erfolgten, sondern eigene Gesetzmäßigkeiten entwickelten, wurde im Nachbereitungstext »Die Büchse der Pandora« aus dem Jahr 2008 formuliert: »Eine „Law and Oder“-Politik hat die Büchse der Pandora überhaupt erst geöffnet. […] Mitte der Neunziger begannen die Auseinandersetzungen mit der Polizei. Anlass war damals ein kleines Feuer auf dem Schulterblatt, um das acht bis zehn Personen saßen. Gitarre wurde gespielt, gesungen und Bier getrunken. Morgens um 5 kam eine Polizeistreife vorbei und löschte das Lagerfeuer. In den folgenden Jahren spitzten sich die Ereignisse um diese Banalität jedoch zu und immer mehr Polizist_innen wurden zum Einsatz bemüht. […] Wurden diese Einsätze anfangs noch relativ gelassen und mit Ironie hingenommen, nahm irgendwann dann auch die Gegenwehr zu. Bis hin zum Zeitpunkt, wo es von vielen Jugendlichen und Flaneur_innen als nicht mehr notwendig erachtet wurde, darauf zu warten, bis die Polizei kommt und eine_n verkloppt, sondern dieser zuvor gekommen wird.«

Das neue Phänomen, dass zahlreiche Menschen auf der Straße offenbar nicht mehr abwarten, bis ein scheinbar unvermeidlicher Gewalteinsatz erfolgt, sondern nun selbst den Zeitpunkt bestimmen und bereits mit einer entsprechenden Erwartungshaltung auf der Straße sind, wurde im Text als sich selbst erfüllende Prophezeiung bezeichnet, welche durch Medienrandale und Gefahrengebiete befördert wird. Damit wurde ein differenziertes Bild entworfen, das einer eindimensionalen Beschreibung der Polizei als alleinige Akteurin von im Laufe der Zeit institutionalisierten Schanzenfestspielen widerspricht. Dies widerspricht auch der Lesart eines eindimensionalen Militanzdiskurses, der im Transmitter an die Wand gemalt wird.

Diskussionsprozesse und Transformationen

Ein kritisches Verhältnis zu ritualisierten Auseinandersetzungen wurde im Diskussionspapier »Geschlossene Gesellschaft« von 2010 aufgemacht: »Es gibt Leute, die eine zunehmende Kommerzialisierung des Festes kritisieren. Es gibt Leute, die den mangelnden politischen Charakter des Festes kritisieren. Und es gibt Leute, die die nächtlichen Auseinandersetzungen mit der Polizei kritisieren oder unsinnige Aktionen, die z.B. gegen Kleinwagen oder Balkonmöbel von Anwohner_innen gerichtet sind. Unabhängig von dieser Kritik, die wir an unterschiedlichen Punkten teilen, halten wir es für richtig und wichtig, dass es dieses Fest in seiner gesamten Ambivalenz gibt. Denn eine progressive gesellschaftliche Entwicklung findet für uns nicht dadurch statt, dass man sich Türsteher_innen anschafft, ein Szenepublikum anspricht und unter sich bleibt, sondern dadurch, dass man eine Öffentlichkeit herstellt und Orte eines möglichst hierarchiefreien Zusammentreffens. «

Es gab als direkte Konsequenz im darauf folgenden Jahr Strategien und Überlegungen, um aus ritualisierten Abläufen herauszukommen und den selbstbestimmten Charakter des Festes zu stärken. So wurde versucht, »um einer Kommerzialisierung des Straßenfestes zu begegnen und um den sich selbst erfüllenden Gefahrengebieten der Innenbehörde etwas entgegen zu setzen« den Termin des Schanzenfestes erst kurzfristig öffentlich zu machen.
Dass es anders gekommen ist, lag ein weiteres Mal nicht an irgendwelchen eindimensionalen Militanzdiskursen oder einer fehlenden Positionierung, sondern an der Hamburger Innenbehörde. So schreiben die Organisator_innen in der Ankündigung des Schanzenfestes 2011 nach Erscheinen entsprechender Medienberichte: »Wir halten es für überaus bemerkenswert, dass der Termin des diesjährigen Schanzenfestes nun von der Hamburger Polizei veröffentlicht wurde. Wir schließen daraus erstens, dass die Menschen und Initiativen hier im Stadtteil ganz offensichtlich von der Polizei beschnüffelt und überwacht werden, und zweitens, dass es ein scheinbar unstillbares Bedürfnis der Innenbehörde nach Medienrandale gibt.«

Dass Militanz und Krawall dabei keine widerspruchsfreien Orte der Befreiung sind, sondern sich darin immer auch bestehende Herrschaftsverhältnisse widerspiegeln und abbilden, wurde im Anschluss im Text »Splitter der Nacht« formuliert. Dort wurde auch bereits die Notwendigkeit einer politischen Intervention formuliert, gleichzeitig jedoch die Erfordernis, Schnittstellen zu bürgerlichen Sicherheitsdiskursen zu vermeiden und deren Gewaltbegriffen eine Absage zu erteilen: »Militanz war und ist ein Bestandteil linker Geschichte. Die Frage um sinnvolle militante Protestformen wurde und wird immer wieder kriminalisiert. Wir halten dies für falsch! Wir finden gut, richtig und wichtig, dass Leute experimentelle Ideen, eine Praxis für solidarischen Protest entwickeln und dabei Kritik und Grenzen formulieren, wo es z.B. um Leib und Leben geht oder Häuser angezündet werden! Revolten und Krawalle sind dabei nie ein ungebrochenes Ereignis. Wir werden als politische Bewegung immer nur dabei sein, unsere nächsten Fehler vorzubereiten. Wichtig ist deshalb, eine solidarische Auseinandersetzung, die sich selbst zum Teil macht, herrschende Objektivierungen ablehnt und die Frage nach Gesellschaft und das Ganze in den Vordergrund rückt.«

Hier wurden bereits konkrete Perspektiven jenseits eines ritualisierten abendlichen Krawalls entwickelt, die im folgenden Jahr auch aufgegriffen und mit dem Schanzenfest auf Griechisch umgesetzt wurden: »Es geht vor diesem Hintergrund nicht darum, als Veranstaltung größer oder erfolgreicher zu werden, sondern darum, dass mehr Menschen aus der radikalen Linken den Tag des Festes als Aufklärungs-, Mobilisierungs- und Interventionsort begreifen und nutzen. Denn vor allem am Tage entscheidet sich, wie politisch und wie wirkungsvoll das Fest als politischer Ort in den nächsten Jahren sein wird. Dazu bedarf es allerdings, den Standort einer beobachtenden Passivität zu verlassen. Der erwartungsvolle Blick in die Nacht, wie das Kaninchen auf die Schlange, verstellt eher die sich bietenden Möglichkeiten für Aktionen und Interventionsformen. Hausbesetzungen, Umzüge oder Markierungen von Leerstand sind einige Beispiele.«

Im Nachhinein stellen wir fest, dass die verstärkte Schwerpunktsetzung auf politische Inhalte am Tag ein richtiger Schritt war, hierdurch alleine das Implodieren der Gewalt allerdings nicht verhindert werden konnte. Tragischerweise ist es gerade an einem Punkt, an dem Aktivist_innen sinnvoll und richtigerweise eingegriffen haben, zu den lebensgefährlichen Messerangriffen gekommen. Ein kollektives Verhalten und eine Beendigung der Situation ist in diesem Moment aus unserer selbstkritischen Perspektive erst zu spät erfolgt. Hierin liegt für uns eine notwendige Erkenntnis und Konsequenz aus den Ereignissen. Diese gilt es aufzugreifen und politisch umzusetzen, indem bestehende Diskussionen und Erfahrungen verbreitert und weitergeführt werden. Statt der Aufrüstung linker Sicherheitsdiskurse halten wir dabei ein verantwortliches, transparentes Handeln, das sich auch bei Konfliktsituationen differenziert vermittelt, für notwendig.

Balkonmöbel und Tabubrüche

Aus allen diesen Gründen halten wir es aber auch für völlig unangemessen, wenn entgegen dieser und anderer Diskussionsprozesse im Stil eines Tabubruchs formuliert wird: »Leider herrschte jahrelang mehrheitlich die Haltung vor, dass jede (selbst)kritische Diskussion um die seit 2003 geführten militanten Auseinandersetzungen unter dem Verdikt einer unzulässigen Distanzierung stehen«. Hier wird ein innerlinkes Sprech- und Denkverbot an die Wand gemalt, welches so überhaupt nicht existiert. Und wie immer, wenn Aussagen formuliert werden, über die angeblich nicht gesprochen werden darf, werden Positionen präsentiert, die nicht nur längst Mainstream und an jedem linken Stammtisch im Schanzenviertel zu Hause sind, sondern auch kompatibel mit ressentimentbeladenen Statements in der Öffentlichkeit als Stimme einer angeblich schweigenden Mehrheit.

Als Beleg für das »Fehlen jeder (selbst)kritischen Diskussion« werden im Transmitter unter anderem zerstörte Balkonmöbel von Anwohner_innen herangezogen, welche von den Organisator_innen angeblich »zum Kollateralschaden erklärt« würden. Wie sich diese Behauptung begründet, bleibt offen. Gab es in den letzten Jahren doch verschiedene Texte, in denen sich hierzu kritisch geäußert wurde. Doch schon mal in Fahrt gekommen, wird noch ein Sahnehäubchen oben drauf gesetzt und mit erhobenem Zeigefinger geurteilt: »Immerhin hat sich nun die Einsicht durchgesetzt, dass diese Diskussionsvermeidung seit den Messerstichen des letzten Jahres inakzeptabel ist und es keine weitere politische Geisterbahnfahrt geben kann«. Hier werden mit leichter Feder und populistischem Anstrich viele Jahre politische Auseinandersetzung als Blindflug der radikalen Linken entsorgt. Geschichte, auch die Geschichte des Schanzenfestes, markiert sich aber nicht an Einzelereignissen, sondern an sich weiterentwickelnden Prozessen. Wer diese als Ballast über Bord werfen will, bricht nicht ins Ungewisse auf, sondern geht zurück auf Los. Nirgendwo wurde dies deutlicher als im Presseecho der letzten Tage und im Würgegriff der herzlichen Umarmung durch Verfassungsschutz und Polizei.

Wir distanzieren uns nicht grundsätzlich von allen Menschen, die am Schanzenfest auf Krawall gebürstet sind, wie dies im Transmitter inhaltlich vollzogen wird, sondern halten bei gesellschaftlichen Konflikten und Widersprüchen weiterhin einen solidarischen und differenzierten Umgang für notwendig und sinnvoll. Die Notwendigkeit, einen politischen Rahmen herzustellen, der Übergriffe verhindert und destruktiven Entwicklungen entgegenwirkt, steht dabei außer Frage. Im Nachbereitungstext zum Schanzenfest 2012 wurde von Einzelpersonen und Gruppen aus der Vorbereitung bereits eine Basis für diesen Umgang skizziert: »Wir halten es für richtig und wichtig, bei Gefahr für Leben und Gesundheit einzuschreiten, zu verhindern, dass Gartenmöbel von Anwohner_innen zerkloppt und verfeuert werden oder die Kleinwagen von anderen Festbesucher_innen demoliert werden. […] Wir werden in Folge der Übergriffe am Abend des Schanzenfestes weder selbst in eine Sicherheitshysterie ausbrechen, die wir in der Vergangenheit immer wieder als rechtspopulistische Inszenierung kritisiert haben, noch sehen wir einen Sinn darin, identitäre Gruppen zu konstruieren, um diese wahlweise zu verteufeln oder ihnen einen Heiligenschein zu verpassen.«

Es gibt zahlreiche Erklärungen, in denen sich in den letzten Jahren auf differenzierte Art und Weise zu den abendlichen Auseinandersetzungen geäußert wurde. Es gab Interventionen durch vor Ort verteilte Flugblätter, die Rechtshilfetipps gaben und sich über Sinn und Zweck von Auseinandersetzungen nach dem Schanzenfest auseinandersetzten oder solidarische Menschen, die auf dieser Grundlage und ohne eine vor sich her getragene moralische Verzichtslogik direkte Gespräche mit Jugendlichen und Aktivist_innen suchten. Hinter diese positiven Beispiele, wie die Diskussion ohne Pauschalisierungen geführt werden kann, geht der Beitrag im Transmitter bedauerlicherweise zurück.

Gleichzeitig beschreiben die von uns hier vorgestellten Texte nicht den gesellschaftlichen Diskurs zum Schanzenfest in seiner ganzen Breite und mit allen Bezugspunkten. Auch die Frage der Stadtpolitik haben wir lediglich angerissen und an dieser Stelle nicht weiter vertieft. Unser Schwerpunkt lag darin, die inhaltliche Entwicklung aus Perspektive der Vorbereitungsgruppen zu darzustellen.

The future is unwritten

Bezugnahmen zum Schanzenfest sind und waren schon immer heterogen, selbst ohne den Bezug zu den Auseinandersetzungen am Abend. Die einen finden die Veranstaltung super, die anderen superblöd. Manchen ist die Veranstaltung irgendwie zu kommerziell, andere fahren lieber auf die Fusion und wieder andere sind abgeschreckt vom ausschweifenden Hedonismus und der Heterogenität auf der Straße. Wir selbst halten es für sinnvoll, das Schanzenfest als Raum eines unkontrollierten und selbstbestimmten Zusammenkommens über einzelne Millieus, Viertelgemeinschaften oder Subkulturen hinaus immer wieder zu verteidigen, neu zu schaffen und weiterzuentwickeln. Dass dies widerspruchsfrei nicht zu haben ist, liegt in der Sache selbst. Darauf zu verzichten, um sich der eigenen Identitäten versichert zu sein, bedeutet in der Konsequenz, herrschende Ein- und Ausschlüsse zu reproduzieren, statt sich selbst auf brüchige Spurensuche zu begeben. Dass wir immer auch Angriffsflächen bieten, wo wir keine Bilder einer heilen Welt erzeugen, ist uns dabei bewusst.

Es wäre in der Vergangenheit einfach gewesen, aus dem Schanzenfest eine professionelle Veranstaltung mit Standanmeldung, Security, bezahlten Stellen, Sponsoren und fetten Gewinnen zu zimmern. Im Rahmen solcher kapitalistischen Kontroll- und Sicherheitsarchitekturen wäre es auch relativ einfach, ein durchgehendes Szeneprofil von Ständen zu erreichen. Die Frage ist nur: Wozu? In der stadtentwicklungspolitischen Praxis gibt es mit einem unkontrollierten Schanzenfest sehr viel mehr zu gewinnen als in einer kapitalistisch und behördlich geregelten Nische mit alternativem Anstrich. Sicher keine perfekte Welt, aber ein Abbild einer sperrigen und sich verändernden Wirklichkeit.

Der Zapatismus prägte den Gedanken: »Es ist nicht notwendig, die Welt zu erobern. Es reicht, sie neu zu schaffen. Durch uns. Heute. « Die Namen von vielen Straßen und Plätzen der Welt stehen heute für ein solches Aufbegehren, für Heterogenität und Hedonismus. Sie bilden Aufbrüche und bestehende Widersprüche ab, politische Erfolge von Bewegungen, aber auch deren Scheitern. Das Schanzenfest ist für uns eben solch ein Ort. Keine Heimat und kein Freiraum, sondern ein Feld der Intervention. In Bewegung, unfertig, prekär und mit den gesellschaftlichen Realitäten im Wandel begriffen. In einfachen Abgrenzungen und Klischees lassen sich die gegenwärtigen gesellschaftlichen Veränderungen in den Metropolen und Städten ebenso wenig beschreiben wie das vergleichsweise kleine Ereignis eines sich selbst organisierenden Straßenfestes mit seinen Begleiterscheinungen.

Die Verwertungsmechanismen des Kapitalismus erschließen zunehmend auch die abgelegensten und verstecktesten Räume. Der globale Wandel, Deregulierung und die Dynamik staatlicher Rettungsschirme für die Privatwirtschaft schreiten in hohem Tempo voran. Nach unserer Wahrnehmung ist es daher notwendig, umkämpfte Räume und Bedingungen sehr viel stärker in Bezügen zu sehen und im Ganzen zu denken als bisher üblich. Dies bedeutet auch, wegzukommen von einer im Kern defensiven linken Haltung, die sich im Stadtteil einrichtet, auf eine Abwehr negativer Einflüsse setzt und damit vor allem auf den Erhalt bestehender Zustände abzielt.

Nur wo wir die Orte und Widrigkeiten die uns umgeben in der Vielschichtigkeit prekärer und im Wandel befindlicher Konfliktfelder verstehen, ist es möglich langfristige emanzipatorische Perspektiven zu entwickeln.

Ein Zusammenhang der Schanzenfestvorbereitung

Zum Weiterlesen empfehlen wir allen Interessierten die folgenden Texte:

Nachbereitungstext Schanzenfest 2012
http://florableibt.blogsport.de/material/texte/repression-illusion-implosion-zum-schanzenfest-2012/

»Splitter der Nacht« zum Schanzenfest 2011
http://florableibt.blogsport.de/material/texte/splitter-der-nacht/

Ankündigung des Schanzenfestes 2011
http://de.indymedia.org/2011/07/312350.shtml

»Geschlossene Gesellschaft« zum Schanzenfest 2010
http://de.indymedia.org/2010/09/289033.shtml

»Schlimmer als die Taliban?« zum Schanzenfest 2009
http://ingloriousschanzenfest.blogsport.de/

»Die Büchse der Pandora« 2008
http://de.indymedia.org/2008/09/227169.shtml

»Eine klassische Dreiecksbeziehung: Zwei Straßenfeste und eine Piazza« 2002
http://nadir.org/nadir/aktuell/2002/07/22/11367.html

Der Transmitter ist als PDF unter folgendem Link erhältlich
http://www.fsk-hh.org/files/tm0713.pdf

  • Twitter
  • Facebook