In der Nachbereitung des Schanzenfests hat es bereits viele Diskussionen gegeben. Auch innerhalb der vorbereitenden Gruppen ist man sich keineswegs immer einig. Wichtig waren uns bei der Einschätzung der Ereignisse aber drei Punkte. Erstens: Nicht nur die abendlichen Ereignisse, sondern auch der Ablauf des Schanzenfests tagsüber gehört zu einer Bewertung. Zweitens: Im Rahmen eines verantwortlichen Umgangs kann es für uns keinesfalls weitergehen wie bisher, dies muss aber – drittens – in einer breiten Diskussion entwickelt und entschieden werden.

Was will das Schanzenfest
Das Schanzenfest will nicht eine Bühne für ein weiteres Happening im Event-Standort Hamburg bieten, noch verstärkt Umsatz für die notleidenden Bars und Kneipen im Stadtteil generieren. Es will nicht Tourist_innen von nah und fern zeigen, wie alternativ und verrückt das Schanzenviertel ist. Es will einen abendlichen Krawall weder legitimieren noch verhindern.

Das Schanzenfest will: sich seinen Raum selbst nehmen, ohne zu fragen. Es will sich selbst organisieren ohne Eventmanager_innen und Cateringbeauftragte. Und es will immer auch ein Forum bieten für politische Informationen, Aktionen und Auseinandersetzungen. Widersprüche und Brüche gab und gibt es nicht nur mit Behörden, Polizei und Politik. Auch untereinander, mit Gruppen und im Stadtteil sowie zwischen verschiedenen Ansprüchen treten sie immer wieder auf – es gibt eben kein richtiges Fest im Falschen. Und die Veränderungen im Schanzenviertel und anderswo sind auch am Straßenfest nicht spurlos vorbei gegangen: Mit steigender Beliebtheit des Viertels vergrößert sich der Einzugsbereich, eine veränderte Anwohner_innenschaft verändert den Charakter der Stände und Beiträge, eine andere Kneipenstruktur bietet ein anderes Speisen- und Getränkeangebot, auch zu anderen Preisen, usw. Wie viele andere politische, unkommerzielle und subkulturelle Projekte ist das Schanzenfest längst zum Standortfaktor geworden. Dennoch ist es auch immer wieder gelungen, Brüche aufzuzeigen, zu vertiefen, herzustellen. Dazu ist es nötig, sich jedes Jahr aufs Neue widerständig aufzustellen, neue Ideen zu entwickeln und gemeinsam mit anderen zu organisieren und umzusetzen. Hierzu gehört auch, sich an den eigenen Ansprüchen zu messen und messen zu lassen, sich auseinanderzusetzen, Kritik zu entwickeln und Konsequenzen daraus zu ziehen.

Feste feiern, wie sie fallen
In den letzten Jahren ging die Auseinandersetzung vor allem darum, ob das Fest überhaupt stattfindet. Bei aller Kritik und Selbstkritik zur Entwicklung des Festes wollte man sich keinesfalls von Figuren wie Innensenator Käpt’n Alhab und seiner Walfängerflotte sagen lassen, ob, wann und wo man zu feiern habe. Andere haben es mit der erstickenden Umarmung versucht: unvergesslich der Versuch 2010, einen Runden Tisch zum Schanzenfest abzuhalten, der in einem Konfetti-Tsunami unterging. Eines hatten alle unterschiedlichen Versuche und Taktiken gemeinsam: sie waren vergeblich.

Diese Phase scheint fürs Erste abgeschlossen, in diesem Jahr wurde man von allen zuständigen Stellen im Vorfeld entschlossen ignoriert. Umso unverständlicher, dass die Polizeiführung zwei Tage vorher noch das ritualisierte Gefahrengebiet ausrufen musste. Alle Festbeteiligten zusammen haben es also geschafft, sich den Raum erfolgreich zu nehmen – doch auch hier bleiben Fragen offen: Muss es immer schneller, höher, weiter, lauter und voller werden?

Durch die immer größeren Ausmaße des Fests wird es nicht einfacher, politische Inhalte sicht- und hörbar zu machen. Das alljährliche politische Motto des Schanzenfests bildet Auseinandersetzungen in der Gesellschaft ab und versucht, in diese einzugreifen: Repression, Sexismus und Homophobie, Umstrukturierung und Gentrifizierung waren in den letzten Jahren das Thema. Politischer Charakter transportiert sich jedoch nicht über ein festgelegtes Motto, sondern durch Aktivitäten von vielen Leuten und Gruppen zu diesen und anderen Themen. Durch Aktionen: Hausbesetzungen, Umzüge und Paraden, das Pflanzen eines Baums auf der Piazza oder die Ausrufung der Autonomen Republik Schanzenviertel. Durch Transparente, Infowände und Flyer, Redebeiträge von der Bühne, Solistände für politische Bewegungen oder zur Finanzierung der eigenen Aktionen.

Schanzenfest auf Griechisch
Dieses Jahr versuchte das Motto, über den Tellerrand zu schauen, über die Zustände in Griechenland und deren Ursachen zu informieren und die deutsche Beteiligung daran, der Propaganda deutscher Medien und Politiker_innen etwas entgegen zu setzen und auch praktische Solidarität mit Bewegungen in Griechenland zu üben. Ein wichtiges Element hiervon war der Schanzenfestsalon im Hof des 3001. Gäste aus Griechenland berichteten über die Situation vor Ort, Menschen aus verschiedenen politischen Spektren diskutierten über Perspektiven in der Krise oder stellten ihre politische Arbeit zu Frontex oder Entschädigungszahlungen für Opfer des Nationalsozialismus vor. Eine neue Idee und eine gute Sache. Gerne hätte man sich mehr Außenwirkung auf den Rest des Festes, mehr optische Info dazu und eine zeitigere Bekanntgabe des Programms gewünscht.

Darüber hinaus gab es Redebeiträge zu unterschiedlichsten Themen, eine Liveschalte zur Demo in Rostock, jede Menge Transparente quer über das Fest, eine Ausstellung griechischer Plakate im Flora Park, zahlreiche Politstände (von denen auch einige das Griechenland-Motto aufgegriffen hatten) sowie Solitrinken und -essen. Angesichts von laut Medien 600 Ständen mit Sicherheit ein (zu) kleiner Teil des gesamten Festes. Doch wir sind der Ansicht, dass hier eine Entwicklung in die richtige Richtung, zu wieder mehr politischen Inhalten, stattfindet – auch wenn auch bei uns nicht immer Einigkeit besteht, ob das politische Schanzenfestglas nun halbvoll ist oder halbleer. Auch das ist ein Prozess, den man gemeinsam weiterentwickeln muss, mehr Leute dazu gewinnen, sich in der Vorbereitung und Gestaltung des Festes zu beteiligen.

Ein wichtiger Bestandteil des Schanzenfests auf Griechisch war die konkrete Solidarität mit den sozialen Kämpfen in Griechenland. Nicht zuletzt, um dem zunehmenden Unwillen vieler Standbetreiber_innen, überhaupt einen finanziellen Beitrag zum Fest zu leisten, offensiv etwas entgegenzusetzen. An den Ständen wurde so viel wie schon lange nicht mehr gesammelt. Dies ist jedoch nur ein eher kleiner Teil Umsätze der Stände. Und auch in diesem Jahr haben die Geldsammler_innen die Erfahrung gemacht, dass gerade die Stände, die am kommerziellsten aufgestellt sind und am meisten Kohle machen (und hier besonders auch die Außengastro der ansässigen Kneipen) sich beharrlich weigern, etwas zu spenden oder meinen, 50 Cent wären ein passender Betrag. Trotzdem schätzen wir die Spendensammlung positiv ein: die Kommunikation mit den Ständen bereits am Morgen per eigenem Flyer ebenso wie die Beteiligung von mehr Leuten hat einiges gebracht und kann auch noch ausgebaut werden. Das gesammelte Geld wird an griechische Projekte überwiesen, die Kosten des Fests werden durch Soliveranstaltungen im Nachhinein gedeckt, eventuelle Überschüsse werden ebenfalls nach Griechenland gespendet.

Was tun, wenns brennt?
War das Straßenfest tagsüber nach unserer Wahrnehmung eines der besten seit Jahren, stellte sich der Abend als einer der beschissensten dar. Zwei Menschen, die notwendigerweise in einer Gefahrensituation eingegriffen haben, wurden durch Messerstiche schwer, einer davon lebensbedrohlich, verletzt. Es kam zu Schlägereien und aggressiven Übergriffen. Was vor der Roten Flora gegen Mitternacht stattfand, hatte kaum mehr etwas mit den Auseinandersetzungen in der Vergangenheit zu tun, die sich schwerpunktmäßig gegen Polizeiübergriffe gerichtet hatten. Stattdessen fand eine Art Wettbewerb im Scheiße sein von mehr oder weniger besoffenen Männern statt.

Nicht nur die Messerstiche nach dem Fest markieren für uns daher eine Zuspitzung, die ein Weitermachen wie bisher ausschließt. Sondern die gesamte Stimmung auf der Straße: Die vielen Verletzten und der zunehmende Charakter eines Schützenfestes mit all seinen negativen Erscheinungsformen wie sexistische Sprüche, Mackerverhalten und Schlägereien bot ein Szenario der Männergewalt, das wir in dieser Form bisher nicht erlebt haben und dem wir keine Bühne bieten wollen. In der Nacht des Schanzenfestes haben wir daraufhin ein Feuer vor der Roten Flora gelöscht und das Feiern auf der Straße für beendet erklärt. Wir hielten und halten diese konkrete Entscheidung für einen richtigen und notwendigen Schritt der politischen Intervention. Auch in der Praxis der letzten Jahre ging es uns niemals darum, unsererseits Law and Order auf der Straße durchzusetzen, sondern stets die Frage nach den gesellschaftlichen Verhältnissen zu stellen. Generell wollen und können wir nicht alles unter Kontrolle haben; hier sind wir immer auch Teil eines widersprüchliches Verhältnisses; immer wieder sind nicht nur wir gefordert, uns zu verhalten oder einzugreifen

Pauschalisierungen und Randgruppenbashing
Wir verweigern uns einer Lesart, die eine Spaltung der Festbesucher_innen in gute (vermeintlich friedliche) Anwohner_innen und böse (vermeintlich auswärtige) „Krawalltouristen“ vornimmt. Generell können wir nichts mit solchen Begriffen aus dem Arsenal der Fremdenfeindlichkeit anfangen und sehen den Stadtteil lieber als offenen Ort der Begegnung und gesellschaftlicher Widersprüche. Es gab viele Anwohner_innen, die Kartons auf die Straße warfen, um sich am Feuer zu erfreuen. Warum auch nicht?! Ebenso gab es Menschen von außerhalb, die diese als Krawalltouristen bezeichneten. Es gab sicher Menschen, die angereist sind, um einen abendlichen Krawall zu erleben, skurrilerweise aber auch Menschen, wie zum Beispiel eine Gruppe vor der Haspa-Filiale, die angereist sind, um einen solchen zu verhindern. Wer unterschiedslos alles und jeden auf der Straße als Krawalltourist bezeichnet, schadet dem richtigen und notwendigen Eingreifen bei blödsinnigen Aktionen oder Übergriffen. Für uns eine Situation, die nicht unwesentlich für die spätere Eskalation war. Die aggressiv und undifferenziert vorgetragene Forderung nach behördlich genehmigungsfähigem Verhalten schafft keine entspannte Situation, sondern ein Klima der Zuspitzung und Ausgrenzung durch die Erhebung der eigenen Lebensvorstellungen und Politikformen zur alleingültigen Norm.

Wir halten es für richtig und wichtig, bei Gefahr für Leben und Gesundheit einzuschreiten, zu verhindern, dass Gartenmöbel von Anwohner_innen zerkloppt und verfeuert werden oder die Kleinwagen von anderen Festbesucher_innen demoliert werden. Ein Fazit der abendlichen Ereignisse ist die Notwendigkeit, in Zukunft stärker in diese Richtung einzugreifen. Dies schließt für uns aber auch Leute ein, die in Bürgerwehrmanier die Situation eskalieren.

Wir werden in Folge der Übergriffe am Abend des Schanzenfestes weder selbst in eine Sicherheitshysterie ausbrechen, die wir in der Vergangenheit immer wieder als rechtspopulistische Inszenierung kritisiert haben, noch sehen wir einen Sinn darin, identitäre Gruppen zu konstruieren, um diese wahlweise zu verteufeln oder ihnen einen Heiligenschein zu verpassen. Wichtiger als einzelne Personen sind uns die Verhältnisse und die Frage, wie es zu einem solch beschissenen Verlauf des Abends überhaupt kommen konnte.

Sich selbst erfüllende Prophezeiungen der inneren Sicherheit
Wir haben als Festvorbereitung in den vergangenen Jahren immer wieder betont, dass die abendlichen Auseinandersetzungen mit der Polizei nicht vom Fest gesucht wurden, sondern ein Ergebnis der polizeilichen Eskalationsstrategie sind. Der Ausnahmezustand nach dem Schanzenfest mit Polizeikräften in vierstelliger Anzahl, gewalttätigen Übergriffen und Wasserwerferorgien in den letzten Jahren hat sich längst zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung entwickelt. Durch die Einrichtung eines so genannten Gefahrengebietes als Einladung zu Auseinandersetzungen mit der Polizei wurde in diesem Jahr wenige Tage vor dem Fest auch noch den Letzten, die es noch nicht wussten, vermittelt, dass am Wochenende im Schanzenviertel die Post abgeht.

Wir halten dabei nicht die Lagerfeuer auf der Straße für ein Problem, sondern einen Polizeiapparat, der diese jahrelang zum Anlass für eine polizeiliche Eskalation genommen hat – um in diesem Jahr überraschend zu erklären, bis zum Wurf von einigen Flaschen auf eine Haspa-Filiale habe es keinerlei Anlass zum Einschreiten gegeben. Dass Lagerfeuer niemanden generell bedrohen, mag eine späte, aber dennoch richtige Einsicht sein. Skurril ist jedoch, dass viele die Propaganda der Innenbehörde der vergangenen Jahre offenbar mittlerweile verinnerlicht haben. Anders ist nicht zu erklären, dass Politik, Medien und auch einige Festbesucher_innen die Lagerfeuer inzwischen gleichsetzen mit Krawallen und gewalttätigem Verhalten an sich. Eine solche Verschiebung der Repression von außen nach innen beschreibt für uns ebenfalls ein Eskalationsszenario – wie tausend Polizeibeamte um die Ecke, die nur darauf warten zuzuschlagen. In dieser Normalisierung der Gewalt liegt wohl der größte Erfolg der Polizeistrategie der letzten Jahre. Wir sind nicht bereit, uns eine solche Logik anzueignen. Wir verfolgen stattdessen den Gedanken eines solidarischen Straßenfestes, das Ausgrenzung entgegenwirkt und die bestehenden Gewaltverhältnisse thematisiert.

Wir können dabei in polizeilicher Gewalt keinesfalls etwas Hilfreiches und Sinnvolles erkennen. Im Gegenteil. Erschreckend finden wir allerdings, wenn es für die Polizei offenbar kein Problem ist, wenn zwei Menschen niedergestochen werden und einer davon mit dem Tode ringt, aber eine beschädigte Bankfiliale als Gewaltausbruch begriffen wird, der sofortiges Handeln erfordert. Für uns ein sehr eindringliches Beispiel dafür, was in der Logik der Inneren Sicherheit Gewalt ist und was nicht, wogegen sich das Fest richtet und womit wir uns nicht gemein machen wollen.

Die Schanze und das Fest
Nicht zuletzt sehen wir die Ursache für das Implodieren der Gewalt am Schanzenfest in der städtischen Entwicklung selbst. Der Bezirk Altona und der Hamburger Senat sehen im Schanzenviertel seit Jahren vor allem einen Standort mit kreativem Potential, das es auszuschöpfen gilt. In der Folge haben Kneipenkonzessionen und Außengastronomie dramatisch zugenommen und eine Ballermannisierung hat eingesetzt. Wohnungen gibt es nur noch zu exorbitanten Mieten oder sie werden in Eigentumswohnungen umgewandelt, ärmere Menschen wurden verdrängt und der einst migrantisch geprägte Arbeiterstadtteil wurde mittelständischer und deutscher.

Damit verbunden ist eine Zunahme von Gewalt, Ausgrenzung und Ungleichheit im Stadtteil. Diese tritt in unterschiedlichen Formen auf. In ökonomischer Form durch Verarmung, in struktureller durch Verdrängung und in physischer vor allem in Form von Männergewalt. Wir halten es für falsch, diesen Phänomenen lediglich auf der Ebene der physischen Gewalt und im Rahmen eines Sicherheitsdiskurses zu begegnen. Wenn wir diese Verhältnisse bekämpfen, dann löschen wir keine Feuer oder gründen eine Bürgerwehr, sondern dann versuchen wir, die Ursachen zu bekämpfen, mit Betroffenen in Gespräch zu kommen und durch Vernetzung und Begegnung eine soziale Basis für politische Bewegungen herzustellen.

Längst ist aus dem vergleichsweise beschaulichen Stadtteil der achtziger Jahre eine Ausgeh- und Partymeile geworden, mit den üblichen Folgeerscheinungen einer solchen Entwicklung. Eher besinnlich wirken autonome Krawallnächte inzwischen gegen den Radau und die Gewalt der Ökonomie. Tatsächlich haben Messerangriffe und Schlägereien im Schanzenviertel generell zugenommen und sind nicht ein Problem des Schanzenfestes, sondern eines der gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie sich im Lokalen abbilden.

Für das Recht auf Stadt
Ein antifaschistischer Genosse aus Griechenland bemerkte auf dem Fest, der Kapitalismus durchdringe alle und alles. Wir sind ebenso wenig frei von Herrschaft, Privilegien und Gewalt wie andere Menschen. Doch wir alle haben auch die Möglichkeit, uns zu organisieren und Widerstandsperspektiven gegen diese Verhältnisse zu entwickeln. Nicht Norden oder Süden, Griechenland oder andere Länder im Aufstand, sondern die transnationale Form von Metropolregionen und Städten begreifen wir in diesem Zusammenhang als zentrales Terrain sozialer und politischer Kämpfe.

Der Slogan „Die Stadt ist unsere Fabrik“ fasst dies zusammen in dem Sinn, dass traditionelle Klassenkämpfe durch eine Veränderung der Arbeitswelten und zunehmende Prekarisierung abnehmen und sich vom Ort der fordistischen Produktion in andere Bereiche des Lebens verlagern. Ökonomische Ausbeutung und Produktion haben über ihren ursprünglichsten Ort, die Fabrik, hinaus umfassender als je zuvor alle unsere Lebensbereiche durchdrungen. Umso notwendiger erscheint, sich alle diese Orte als Terrain politischer Kämpfe anzueignen. Nicht weniger versucht das Straßenfest im Schanzenviertel als selbstorganisierte Veranstaltung seit 24 Jahren. Dies wäre nicht zuletzt auch ohne die militanten Auseinandersetzungen nach dem Schanzenfest 2009 nicht durchsetzbar gewesen. Eine künstliche Trennung in „friedliche“ und „gewaltbereite“ Festbesucher_innen anhand von Lagerfeuern oder Widerstandshandlungen gegen Polizeigewalt lehnen wir auch deshalb ab. Das Schanzenfest ist eine Veranstaltung für alle, eine Versammlung und ein sozialer Ort, an dem sich das Leben, die Widersprüche und die Suche nach Antworten abbilden.

Die Zukunft des Straßenfestes
Schon länger bezweifeln nicht nur wir, ob immer mehr Besucher_innen, immer mehr Stände, immer mehr Caipirinha, immer mehr Soundsysteme auf immer mehr Straßen und Plätzen eine Entwicklung auch für die nächsten Jahre sind. Mit allen Begleiterscheinungen: Geiz ist geil, immer mehr Ramsch und höhere Preise, sexistische Sprüche und ätzende Anmache. Flohmarktstände sind ein wichtiger Teil des selbstorganisierten Charakters des Fests. Durch den bewussten Verzicht auf mit einer Anmeldung einhergehende bürokratische Regularien wie Standanmeldung, -genehmigung sowie -gebühren muss man andere Möglichkeiten finden, in Richtung weniger Kommerz und Alkohol und mehr Rücksichtnahme einzuwirken. Ein erster Schritt kann nur die Auseinandersetzung innerhalb politischer Gruppen und Personen und im Stadtteil sein, nicht nur über die Vorfälle am Abend, sondern auch, wie man positive Prozesse, die mit diesem Fest losgetreten wurden, verstärken und Kommerz und Nerv entgegenwirken kann. Das geht aber nicht mit Meckern an der Theke.

Es ist möglich, zwei Schanzenfeste in einem Jahr zu machen, um einer repressiven Verbotspolitik unseren Widerstand entgegenzusetzen. Ebenso möglich ist es allerdings, kein Schanzenfest zu veranstalten. Wir haben das Schanzenfest nie als ritualisierte Veranstaltung, jährlich wiederkehrend wie der erste Mai oder die Lohnsteuerjahreserklärung, gesehen. Von Jahr zu Jahr wurde immer auch kritisch reflektiert, wo diese Veranstaltung steht und wie es weitergehen kann und soll.

Ob es vor dem Hintergrund der Ereignisse richtig ist, als Reaktion und Konsequenz im nächsten Jahr bewusst kein Schanzenfest zu machen, oder ganz bewusst deshalb eines zu machen, auf dem diese Zustände entsprechend thematisiert und verhindert werden, ist für uns offen. Diese Frage wird in den nächsten Monaten in den Diskussionen im Stadtteil, in politischen Gruppen und Initiativen beantwortet werden. Ebenso falsch, wie das Fest als politisches Projekt nicht zu verteidigen, finden wir, so weiterzumachen, als wäre nichts passiert. Dieser Prozess ist mit diesem Papier nicht abgeschlossen, sondern es soll eine breitere Diskussion ermöglichen.

Schanzenfestvorbereitung 2012

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